Populäre Klassik: Sampling

Momentan höre ich immer wieder die Begriffe E- und U-Musik. E-Musik steht für ernste bzw. ernst zu nehmende, kulturell wertvolle Musik, wohingegen U-Musik für Unterhaltungsmusik steht, und der Entspannung und geselligen Erholung dienen soll.

Die klassische Musik wird nach dieser Definition in die E-Musik gesteckt. Das hilft den Vorurteilen der jungen Generation überhaupt nicht. Klassische Musik ist manchmal sehr ernst, ja, manchmal erschütternd ernst, aber auch genauso lustig und unterhaltsam. Umgekehrt ist die gesamte Populärmusik bzw. Pop-Kultur in der U-Musik zu Hause, obwohl dieses breit gespannte Genre natürlich nicht nur zur oberflächlichen Belustigung der Leute da ist, sondern sehr wohl auch kulturell bedeutsam ist.


Wer soll denn bestimmen, was ernst zu nehmen ist, und was nur zur Belustigung der Leute entstanden ist? Warum schließt sich das überhaupt aus? Operette zum Beispiel ist ein Genre, das die Menschen mit leichter Thematik amüsieren soll, ist aber trotzdem kulturell wertvoll und ernst zu nehmen. Und wenn Eminem in seinem Song „When I‘m Gone“ darüber rappt, dass er seine Tochter vernachläßigt, und ihr damit seine persönlichen Gefühle öffentlich mitteilen möchte, ist das dann immer noch Unterhaltungsmusik? Ist das dann nicht ernst zu nehmen?


Was hat es aber mit der sogenannten Populären Klassik auf sich? Es soll ein Genre darstellen, das E- und U-Musik verbindet. Crossover also. Aber auch das ist wieder ein sehr weiter Begriff: Geht es um klassische Musik, die als "leichte Muse" komponiert wurde, oder um Popkünstler, die klassische Werke covern? Oder um die Werbeindustrie, die aus einer Tenor-Arie eine Pizzawerbung macht? Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an - ist das auch in der Musik der Fall? Macht die Verschmelzung von E- und U-Musik Sinn? Ich bin kein großer Fan von Opernsängern, die mit ihrer Operntechnik Popsongs singen. Das funktioniert für mich einfach stilistisch und ästhetisch nicht. Was ich aber spannend finde, ist das Sampling mit Kompositionen aus der klassischen Musik in der modernen Unterhaltungsbranche (Sampling bedeutet, ein bereits vorhandenes Musikstück in einen neuen musikalischen Kontext zu bringen). Die Beispiele dazu sind endlos, doch ich habe mich sehr um eine kleine Auswahl bemüht. Hier also meine persönlichen Perlen des Crossovers:



Georges Bizet & Stromae

Die berühmt-berüchtigte Femme Fatale der Oper darf hier natürlich nicht fehlen: Carmen!

Das Motiv der Habanera (ab 1:12min) kennt jeder von irgendwo her, ob aus der Oper, der Werbung, der Serie "Türkisch für Anfänger" oder aus diversen Songs aus der Populärmusik.

Am schönsten ist es, wenn es in Originalfassung von einer Frau wie Grace Bumbry interpretiert wird: voller Erotik, und gleichzeitig mit Stil und Anmut. Carmen beschreibt hier ihre Art zu lieben als einen wilden Vogel, der weder zu fangen, geschweige denn zu zähmen ist.

Die Geschichte der Frau, die sich von allen Gesellschaftsformen löst und sich einfach nimmt, was (und wen) sie will, gepaart mit der spanisch-lasziven Musik von Georges Bizet ist nicht umsonst zu einer der berühmtesten Opern überhaupt geworden. Die Auswahl an Samples ist riesig, und viele davon sind sehr gelungen. Ich habe mich für Stromaes Version entschieden. Er dreht den Spieß um und macht eine Gesellschaftskritik daraus - mit einem tollen Video, das die Vogel-Referenz aus dem Original wiederaufnimmt.



Robert Schumann & Arthur Nestrovski

Die "Dichterliebe" ist ein Liederzyklus von Schumann mit Texten von Heinrich Heine. Schumann suchte sich 20 Gedichte aus Heines „Lyrischem Intermezzo“ aus, die er vertonte, wovon dann 16 als Zyklus veröffentlicht wurden. Durch diese Auswahl erzählt Schumann eine in sich geschlossene Geschichte. "Ich grolle nicht", das siebte Lied in diesem Zyklus, geht wie folgt:


Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht,

Ewig verlornes Lieb! Ich grolle nicht.

Wie du auch strahlst in Diamantenpracht,

Es fällt kein Strahl in deines Herzens Nacht.

Das weiss ich längst.


Ich sah dich ja im Traume,

Und sah die Nacht in deines Herzens Raume,

Und sah die Schlang, die dir am Herzen frisst,

Ich sah, mein Lieb, wie sehr du elend bist.


Für alle, die dieses Lied noch nie gehört haben: Überlegt kurz, wie der Charakter der Musik sein könnte, nachdem ihr das Gedicht gelesen habt. In welchem Zustand ist die Person gerade?

Schumann hat ein ziemlich klares Statement daraus gemacht. Die Person wirkt verbittert und hat offensichtlich noch keine Seelenruhe gefunden. Der Schmerz sitzt noch tief.

Ganz anders ist dies bei der Version von Nestrovski. Diese Bossa Nova Version sagt (mit dem gleichen Text von Heine, nur übersetzt!): "Es ist okay. Mein Herz wurde von einer schlechten Person gebrochen, aber ich werde heilen."



Claude Debussy & Janelle Monáe

Ich bin allgemein ein riesiger Debussy-Fan. Seine Musik geht mir immer direkt ans Herz und bringt mich in andere Welten. Hier geht es um eines der bekanntesten Werke der Klavierliteratur: Clair de lune aus der Suite bergamasque. Ich kann mich davon einfach nicht satthören!

Janelle Monáe lässt Clair de lune am Ende ihres Songs einfließen. Ein Lied über eine Liebe, die so stark ist, dass nichts und niemand sie zerstören könnte. Im Refrain singt sie:


Say you'll go to Nirvana

Will you leave Samsara?

In the words of Dhammapada

Who will leave? Who will follow?


Ich bin kein Buddhismus-Experte, aber dieser Text sagt in etwa "Wirst du den leidvollen Kreislauf durchbrechen und mit mir ins Paradies kommen?"

Das ersehnte Nirvana wird hier mit Clair de lune eingeleitet (ab 3:28min schleichende Veränderung, ab 4:10min dann die klare Referenz). Das ist sowohl eine dramaturgische als auch eine musikalische Entscheidung, und bringt diese unterschiedlichen Welten dadurch gekonnt zueinander.


Hier für meine französisch-sprachigen Leser noch das Gedicht "Clair de lune" von Paul Verlaine, welches Debussy angeblich als Inspirationsquelle diente:


Votre âme est un paysage choisi Que vont charmant masques et bergamasques Jouant du luth et dansant et quasi Tristes sous leurs déguisements fantasques.

Tout en chantant sur le mode mineur L’amour vainqueur et la vie opportune, Ils n’ont pas l’air de croire à leur bonheur Et leur chanson se mêle au clair de lune,

Au calme clair de lune triste et beau, Qui fait rêver les oiseaux dans les arbres Et sangloter d’extase les jets d’eau, Les grands jets d’eau sveltes parmi les marbres.



Léo Delibes & Miles Davis

Zwei fantastische Musiker, zwei fantastische Versionen. Les filles de Cadix vs. The Maids of Cadiz. Spanischer, femininer Hochmut vs. jazzige Erotik. ¡Que lo disfruten!




Sergei Prokofiev & Sia

Shakespeares Geschichte von Romeo und Julia wurde in der klassischen Musik neben Prokofiev auch von Bellini, Gounod, Tchaikovski, Berlioz und Steibelt vertont. Besonders berühmt geworden ist der "Tanz der Ritter" aus Prokofievs Ballett, der im ersten Akt erklingt.

Dieses Thema wurde von vielen Rockbands übernommen, da die Brutalität im Orchesterklang gut zur Rockmusik passt. Schaut euch nur schon den Dirigenten am Anfang des Videos an - mit diesem Headbanging könnte er zu jedem Rockkonzert gehen. Ich bin aber kein großer Rock-Fan, deshalb habe ich euch eine Fassung von Sia rausgesucht. Inhaltlich hat das nichts mehr mit Shakespeare zu tun, aber wenn das so klingt, ist mir das egal ;-)



Ludwig van Beethoven & Trinidad James

Beethovens 9. Sinfonie bleibt hier natürlich auch nicht verschont. Die Sinfonie hat einige wiedererkennbare Stellen, aber - u.a. dank der Europaratshymne - keine so wie "Ode an die Freude". Ab 0:55min.

Wofür steht dieses Stück? Natürlich für Freude, aber auch für ein Freiheits- und Gemeinschaftsgefühl. Trinidad James samplet es für seinen Hip-Hop-Song über Freiheit und Freude. Was mir daran gefällt, ist die Gelassenheit des Songs, die vermischt wird mit der Epik von Beethoven. Diese Kombination schreit nur so nach dem Gefühl der Unbesiegbarkeit.




Mozart's finest

Nachdem ich euch nun einige, meiner Meinung nach sehr gelungene, Sampling-Beispiele gezeigt habe, müsst ihr jetzt noch durch die Untiefen des schlechten Geschmacks. Tut mir leid, aber dieser Lacher muss sein.



Wer sich in das Thema der Populären Klassik einlesen möchte, kann in diese Diplomarbeit von Viktor Leiker reinschauen:



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