8 Gründe, warum ich den Sängerberuf liebe

Aktualisiert: Aug 18

1. Die Auseinandersetzung mit sich selbst

Es ist Egoismus in seiner schönsten Form. Tag für Tag beschäftige ich mich mit dem Zugang zu meinen Emotionen, mit meinem Körpergefühl, mit meiner Stimme. Je besser ich mich kenne, desto besser kann ich meinen Beruf ausführen. Diese Arbeit ist endlos, denn nichts an uns Menschen bleibt über die Jahre komplett unverändert. Singen ist persönlich, ob man es will oder nicht. Ich kenne kaum Sänger, die im Gesangsunterricht noch nie eine Träne unterdrücken mussten, weil aus Versehen etwas in einem freigesetzt wurde. Manchmal weiss man nicht einmal, warum man gerade weinen möchte. In diesen Situationen habe ich das Gefühl, dass das Singen gerade eine Verspannung gelöst hat, von der ich noch gar nichts wusste.

Unsere Gesangslehrer sind unsere Psychiater, und das Singen die Therapieform.



2. Die Verbindung mentaler und körperlicher Arbeit

Obwohl Sänger oft mit dem Klischee eines tiefen Intelligenzquotienten zu kämpfen haben, behaupte ich, dass unser Gehirn Hochleistungssport betreibt. Auswendig singen, schauspielern, unauffällig immer ein Auge beim Dirigenten haben, mit hohen Schuhen über die Bühne rennen, Gesangstechnik nicht vernachläßigen, Bühnenkollegen nie aus der Wahrnehmung verlieren, und das alles gleichzeitig. Natürlich soll das dann alles auch noch einfach aussehen.

Um dies souverän meistern zu können, gehört für mich auch körperliche Arbeit neben der Bühne dazu. Viele Sänger lieben Yoga und Pilates, ich bin eher Team Joggen und Krafttraining. Wichtig finde ich nur, dass man regelmäßig irgend etwas macht, um seinen Körper zu stärken. So muss man auf der Bühne nicht noch zusätzlich Rücksicht auf die unsportliche Verfassung nehmen. Zu denken gibt‘s wie gesagt schon genug.

Diese Kombination aus körperlicher und geistiger Fitness findet man nicht oft, und macht unseren Beruf zu etwas Besonderem.



3. Das Teamwork

Gleich wie im Sport gilt auch hier: Man ist nur so stark wie das schwächste Glied. Teamwork macht eine gute Performance aus. "Den König spielen die Anderen" ist ein Satz, den ich im Studium einige Male gehört habe. Soll heißen: Wenn du einen König spielen sollst, kannst du das mit deiner Präsenz alleine nicht erreichen. Wichtig ist, dass dich auch die anderen Schauspieler/Sänger auf der Bühne wie einen König behandeln. Nur so hast du eine Chance, glaubwürdig zu sein. Dieses Miteinander zählt in allen möglichen Konstellationen, ob szenisch oder konzertant, als Klavierduo oder mit Orchester; ein Auftritt (und auch eine Probe) muss immer gemeinsam passieren, um ein gutes Endprodukt zu erzielen.

Ich finde, dieses Prinzip wäre für jeden Bereich unseres Lebens hilfreich - 2020 mehr denn je.



4. Die Vielfältigkeit

Es ist keine Woche wie die andere. Mal befinde ich mich in einer Produktion, mal bereite ich einen Liederabend vor, mal ist Vorsing-Marathon angesagt, mal studiere ich einfach nur. Das hat natürlich auch seine stressigen Seiten, aber dieser Lifestyle ist mir viel lieber, als jeden Tag genau zu wissen, was auf mich zukommen wird. Die Vorstellung, jede Woche das Gleiche zu tun, macht mich ganz nervös. Nennt mich verrückt, aber es ist das Chaos, das mich beruhigt.

Um in diesem Chaos einen guten Job leisten zu können, braucht es gute organisatorische Fähigkeiten: einen übersichtlich geführten Terminkalender und eine realistische Selbsteinschätzung, wie lange man für's Einstudieren braucht, wie viele Ruhetage nötig sind, wie viele Projekte man annehmen kann.

Diese Eigenverantwortung und Organisation gibt dem künstlerischen Alltag etwas Bodenständiges.



5. Das Rollenspiel

Egal ob im Konzert oder in der Oper, ein Sänger schlüpft andauernd in neue Rollen. Im Schauspielunterricht habe ich gelernt, man soll versuchen, über persönliche Erfahrungen an Rollen anzuknüpfen. Am Anfang war mir das etwas suspekt, da Bühnenrollen ja selten alltagstauglich sind ;-). Mit der Zeit fand ich große Freude daran, mich mit meinen Rollen anzufreunden. Was würde ich an ihrer/seiner Stelle genauso machen, was finde ich unverständlich? Warum ist es unverständlich? Kann ich durch Empathie einen Weg finden, um es für mich verständlich zu machen?

Ein Beispiel: Dorabella. Eine hysterische, verwöhnte, naive, leidenschaftliche junge Frau aus gutem Haus. Am Anfang der große Nervenzusammenbruch, weil die Liebe ihres Lebens in den Krieg zieht, und ein paar Stunden später sagt sie ihrer Schwester, sie soll sich doch mal locker machen und die Liebe genießen, wo sie hinfällt - jetzt gerade halt zum Nächstbesten, der gerade vor der Tür steht. Würde ich das genauso machen? Nein. Bin ich selbst hysterisch, verwöhnt, naiv, leidenschaftlich? Naja, auf jeden Fall nicht alles aufs Mal. War das tatsächlich die große Liebe, wenn sie sich am gleichen Tag in den Nächsten verlieben kann? Wahrscheinlich nicht.

Wenn man aber versucht, sich in ein Mädchen hineinzuversetzen, das sich in ihrem luxuriösen Leben langweilt und ihre Abenteuerlustigkeit nicht ausleben darf, kommen wir der Sache mit der Empathie schon näher. Sie ist unerfahren, entdeckt gerade erst, was Liebe heißt, und ist einfach nur überwältigt von ihren eigenen Emotionen. Alles, was sie erlebt, ist doppelt so intensiv wie es sein müsste, denn sie erlebt es zum ersten Mal. So haben wir uns doch alle schon einmal gefühlt, oder?

Also knüpfe ich an meine Teenagerjahre an, als alles noch so wahnsinnig unfair und dramatisch war, und lebe mit dieser Rolle eine Seite von mir aus, die ich in meinem Privatleben nicht erleben möchte. Und das macht Spaß, sage ich euch.



6. Die Realitätsflucht

Es liegt nah am Rollenspiel, und verdient doch einen eigenen Punkt: die Flucht aus dem Alltag. Man braucht nicht unbedingt eine Rolle, um dies zu erleben; auch Instrumentalmusik dient dem Träumen. Egal ob ich gerade selbst musiziere oder mir etwas anhöre, es kann für mich eine Möglichkeit sein, den Tag zu verarbeiten oder einfach mal alles um mich herum zu vergessen. Wenn mich in einem Konzert etwas besonders berührt, fokussiert sich mein Blick auf eine ganz seltsame Weise: Der Interpret wird auf einen Schlag heller beleuchtet, und um ihn herum wird es dunkel und verschwommen. Wie ein kitschiger Instagram-Filter. Das sind Momente, in denen wirklich nur noch der Augenblick zählt - Momente, in denen man loslassen kann.

Natürlich kann man dies auch erleben, wenn man keine Sängerin ist. Mein Vorteil ist nur, dass ich mich öfters damit beschäftigen kann als andere Menschen.



7. Der Nervenkitzel

Wir Sänger sind doch alle Adrenalinjunkies. Die erste Schockphase des Corona-Lockdowns fühlte sich ein bisschen an wie ein Heroinabhängiger, der gerade in Reha geschickt wurde. Wir sind süchtig nach dem Bühnenrausch, nach dem Adrenalin, das bei jedem Auftritt ausgeschüttet wird. Heute habe ich zum ersten Mal seit Corona - seit exakt vier Monaten - öffentlich gesungen. Drei Arien in einem Gottesdienst, nichts Weltbewegendes. Doch durch den langen Entzug war dieser Vormittag ein Glücksrausch, den ich so nicht erwartet hätte. Wie kann man dieses Gefühl beschreiben?

Viele fragen mich, ob ich Lampenfieber habe, und ich sage immer nein, weil dieses Wort eine negative Konnotation hervorruft. Nervenkitzel trifft es besser. Es ist für mich ein Zusammenspiel aus Lust, Vorfreude, Angst, Ungeduld und Ekstase. Komische Mischung eigentlich. Aber - wie Deichkind es sagen würde - leider geil.



8. Der Schlussapplaus

Manche Sänger mögen den Schlussapplaus nicht bzw. sehen es als Pflicht. Ich finde es ein unglaublich tolles Gefühl. Man hat sich auf der Bühne ausgetobt, hat eine Geschichte zu Ende erzählt, und lässt es nun auf sich wirken.

Die schönsten Schlussapplaus-Momente hatte ich in zwei Produktionen, in denen ich am Schluss auf der Bühne sterben durfte. Ja, ich bekenne mich: Ich liebe es, zu sterben! Natürlich nur auf der Bühne ;-)

Stell dir folgendes Szenario vor: Du hast dich auf der Bühne verausgabt, hast das Schicksal deiner Rolle mitgelebt, mit allen Höhen und Tiefen. Dann kommt der Todesstoß, und plötzlich lässt dein Körper einfach los. Du lässt dich zu Boden sinken. Da liegst du nun, und spürst den Untergrund, der durch die letzten Klänge des Orchesters noch einmal erbebt. Dann das Ende der Oper: Stille. Du spürst, wie das Publikum innehält, bevor auch sie loslassen und der Applaus auf dich zukommt. Es ist ein Rausch, den keine Droge nachahmen kann.


Schlussszene "L'Ancêtre", v.o.n.u. Damien Gastl, Emery Escher / Regie: Eva-Maria Höckmayr, © Jean-Marc Turmes


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© 2018 by Céline Akçağ